Als Konzertfotograf und Eventfotograf habe ich Konzertaufnahmen der A-capella-Formation "The Flying Pickets" in der Christuskirche Bochum erstellt.
The Flying Pickets, gegründet Anfang der 1980er Jahre aus der politisch engagierten Londoner Theaterszene der Red Ladder Theatre Company, haben sich längst von ihren Ursprüngen als musikalische Stimme der britischen Gewerkschaftsbewegung weiterentwickelt.
Der Name „Flying Pickets“ verweist auf sogenannte mobile Streikposten, die zu verschiedenen Einsatzorten reisen, um Arbeitskämpfe zu unterstützen – ein Ausdruck der klar sozialistisch geprägten Haltung der Gruppe. Der größte Bekanntheitsschub der The Flying Pickets fiel in die Zeit des britischen Bergarbeiterstreiks 1984. Anlass war die Entscheidung des National Coal Board, 20 Zechen zu schließen, wodurch etwa 20.000 Arbeitsplätze bedroht waren.
Die Band positionierte sich öffentlich an der Seite der streikenden Bergarbeiter, beteiligte sich an Solidaritätsaktionen und trat bei Benefizkonzerten auf. Dabei kam es auch zu Spannungen mit ihrer Plattenfirma Virgin, nachdem Mitglieder der Gruppe Streikposten am Kraftwerk Drax in Yorkshire unterstützt hatten. Sänger Brian Hibbard erklärte später, dass die politischen Überzeugungen der Band ihrem kommerziellen Erfolg möglicherweise geschadet hätten – dennoch sei dies ein Preis gewesen, den die Gruppe bewusst in Kauf nahm. Berichten zufolge verweigerte sogar ein bekannter Plattenladen den Verkauf ihrer Alben aufgrund ihrer Unterstützung des Streiks.
Geblieben ist jedoch die Energie, die Leidenschaft und die Fähigkeit, gesellschaftliche Geschichten ebenso wie große Emotionen allein mit Stimmen zu transportieren.
Mit „Believer“ von Imagine Dragons eröffneten die fünf Briten den Abend in der Christuskirche kraftvoll und dynamisch. Schnell wurde deutlich, wie beeindruckend die Arrangements der Gruppe sind: Mal klangen sie wie eine komplette Rockband, mal beinahe orchestral, dann wieder intim und zerbrechlich. Robbie Williams’ „Let Me Entertain You“ entwickelte sich zur augenzwinkernden Showeinlage, während Adele’s „When We Were Young“ die emotionale Seite der Formation zeigte.
Besonders beeindruckend war die stilistische Bandbreite des Programms. Zwischen Police-Klassikern wie „Roxanne“ und „Canary in a Coalmine“, dem souligen „(Something Inside) So Strong“ oder dem energiegeladenen „Lose Control“ von Teddy Swims bewegten sich die Sänger scheinbar mühelos durch verschiedenste Genres. Dabei überzeugte jeder Einzelne mit markanten Solostimmen, die sich dennoch stets harmonisch ins Gesamtbild einfügten.
Zu den Höhepunkten des ersten Sets gehörte das fein arrangierte „Blackbird“ der Beatles sowie eine intensive Interpretation von Sias „Chandelier“, die das Publikum förmlich in Atem hielt. Mit „You Can Call Me Al“ sorgten die Flying Pickets schließlich für ausgelassene Stimmung und bewiesen ihren typisch britischen Humor und Charme.
Nach der Pause setzte die Band mit „Human“ von Rag’n’Bone Man und „7 Years“ von Lukas Graham den emotionalen Ton fort. Besonders in der Akustik der Christuskirche entfalteten Balladen wie „Fast Car“ oder „Beautiful“ eine außergewöhnliche Wirkung. Gleichzeitig blieb die Show dynamisch: „Seven Nation Army“ entwickelte sich zu einem mitreißenden A-cappella-Gewitter aus Stimmen und Rhythmus, bevor „Hey Ya!“ die Kirche endgültig in Konzert- statt Kirchenatmosphäre verwandelte.
Der emotionale Höhepunkt folgte zum Schluss: „Only You“. Der Welthit von 1983 ist weit mehr als nur eine erfolgreiche Coverversion des Yazoo-Klassikers. Er markierte damals den Beginn einer neuen Ära der Popmusik – der erste weltweite Nummer-eins-Hit, der ausschließlich mit menschlichen Stimmen produziert wurde. Auch mehr als vierzig Jahre später besitzt der Song nichts von seiner Magie verloren. In der Christuskirche wurde es während der ersten Töne beinahe ehrfürchtig still, bevor sich Stimmen und Publikum zu einem gemeinsamen Gänsehautmoment verbanden.
Mit „The Boys Are Back in Town“ verabschiedeten sich die Flying Pickets schließlich unter großem Applaus von ihrem Bochumer Publikum. Zurück blieb ein Abend voller musikalischer Präzision, emotionaler Intensität und britischem Entertainment auf höchstem Niveau – und der Beweis, dass A cappella weit mehr sein kann als nur Gesang ohne Instrumente.
Setlist:
Believer (Imagine Dragons cover)
Let Me Entertain You (Robbie Williams cover)
When We Were Young (Adele cover)
Roxanne (The Police cover)
(Something Inside) So Strong (Labi Siffre cover)
Don't Hold Back (The Potbelleez cover)
Lose Control (Teddy Swims cover)
Blackbird (The Beatles cover)
Chandelier (Sia cover)
You Can Call Me Al (Paul Simon cover)
Love Runs Out (OneRepublic cover)
Set 2:
Human (Rag’n’Bone Man cover)
7 Years (Lukas Graham cover)
Fast Car (Tracy Chapman cover)
Are We More Than We Are
Castle on the Hill (Ed Sheeran cover)
Beautiful (Christina Aguilera cover)
Seven Nation Army (The White Stripes cover)
Canary in a Coalmine (The Police cover)
Hey Ya! (OutKast cover)
Englishman in New York (Sting cover)
Zugabe:
Only You (Yazoo cover)
The Boys Are Back in Town (Thin Lizzy cover)
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